BILBoard Juni 2019 – Zölle als Trumpfkarte

Diesen Monat sahen sich die Märkte mit einer alarmierenden politischen Wende konfrontiert, als Präsident Trump drohte, Strafzölle gegen Mexiko zu verhängen, um das Land dazu zu zwingen, den Migrantenstrom in die USA aufzuhalten. Infolgedessen strömten die Anleger aus riskanten Anlagen in erstklassige Staatsanleihen und andere sichere Häfen.

Für einen US-Präsidenten ist es absolut beispiellos, mit Zöllen zu drohen; im Allgemeinen gelten diese eher als „allerletztes Druckmittel“, um Ziele zu erreichen, die rein gar nichts mit wirtschaftlichen Angelegenheiten oder mit dem Handel zu tun haben. Vorherige Präsidenten haben zur Durchsetzung ihrer Interessen in der Regel eher auf die Verbündeten der USA und konventionelle Mittel der Diplomatie sowie Verhandlungen gesetzt. Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright schrieb sogar ein Buch („Read My Pins“) darüber, wie sie ihre Sammlung von Broschen gezielt als „Waffe“ eingesetzt hat, um anderen Staatsoberhäuptern deutliche Botschaften zu übermitteln. So trug sie zum Beispiel eine Brosche in Form einer Biene, um darauf hinzuweisen, dass die USA durchaus bereit sind zu „stechen“. Sogar Putin soll einmal gegenüber Bill Clinton geäußert haben, er würde sich ihre Broschen genau anschauen, um zu erfahren, welche Einstellung die USA gerade vertraten oder welche Botschaft sie übermitteln wollten. Diese Anekdote scheint durchaus etwas weit hergeholt, doch sie unterstreicht den augenfälligen Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, in der nun Trump im Weißen Haus das Sagen hat, ausgerüstet mit einem Smartphone und einem Twitter-Account sowie mit Strafzöllen als Waffe seiner Wahl. In seinen jüngsten Äußerungen beschrieb er Zölle als eine „schöne Sache“, wenn sie als Verhandlungstaktik eingesetzt werden. Subtile Signale und Förmlichkeiten sind aus dem Blickfeld geraten, und wir betreten tatsächlich Neuland, wo sich sowohl Verbündete als auch Gegner über diesen protektionistischen Vorstoß eines Landes Sorgen machen, das einst der Hüter des offenen internationalen Handelssystems war. Selbst unter Republikanern wird mittlerweile Kritik laut. Die jüngste Entwicklung wurde von Senator Pat Toomey wie folgt bewertet: „Zölle sind ein gefährliches und riskantes wirtschaftspolitisches Instrument.“

Da das globale Wachstum nachlässt und das politische, wirtschaftliche und soziale Umfeld weltweit einem immensen Wandel ausgesetzt ist, stellt sich für uns als Anleger die Frage, was zu unternehmen ist, wenn all diese Faktoren das eigene Portfolio auf Talfahrt schicken könnten. Während des Jahres 2019 haben wir das Risiko unserer Portfolios allmählich verringert, indem wir unser Aktienengagement auf eine Untergewichtung reduziert und uns bei der Bonität der Anleihen in das höherwertige Segment verlagert haben.

Portfolioausrichtung

So zufrieden wir mit dieser weniger riskanten Zusammensetzung des Portfolios auch sind, möchten wir dennoch darauf hinweisen, dass die Aktienmärkte im letzten Monat stark rückläufig waren und wir eine kurzfristige Erholung nicht ausschließen würden. Die derzeitigen Bedingungen sind für uns jedoch nicht überzeugend genug, um unser Exposure wieder zu erhöhen. Allerdings haben wir 3-monatige Call-Optionen auf den S&P500 Index aufgenommen. Die offensichtlichsten potenziellen Antriebsfaktoren für eine Rally wären ein versöhnender Tweet (oder ein vergleichbares Signal) von Trump zum Handel, eine unerwartet gute Gewinnsaison im Juli, die mit ihren Zahlen dem pessimistischen Ausblick widerspricht, oder nicht zuletzt weitere akkommodierende Verlautbarungen der US-Notenbank. Deren Vorsitzender Powell sorgte bereits Anfang Juni mit seinen Äußerungen vorübergehend für Kursanstiege, als er die Möglichkeit einer Zinssenkung ins Spiel brachte. Die daraus resultierende zusätzliche Liquidität könnte der zentrale Faktor für ein Anhalten des Aufwärtstrends an den Märkten sein.

Sollte es in der Tat zu einer Rally kommen, werden wir zwischen zwei verschiedenen Maßnahmen wählen: Entweder werden wir an dem Aufwärtstrend partizipieren und die erzielten Gewinne mitnehmen, oder, wenn die Fundamentaldaten auf weitere Zugewinne hindeuten, werden wir unsere Option verkaufen und stattdessen in die Basiswerte investieren, um unser Aktienengagement auf neutral anzuheben. Sollte es indes zu keinen Kurssprüngen kommen, wird die Option verfallen und wir bleiben Aktien gegenüber untergewichtet positioniert.

Aktien

Ferner haben wir unser bestehendes Aktienengagement über unsere Sektorschwerpunkte defensiver gestaltet. Wir reduzierten IT-Werte auf neutral, vor allem weil dieser Sektor überbewertet ist und Technologietitel vom Handelskrieg direkt betroffen sind: Schon jetzt sehen sich verschiedene große Unternehmen Schwierigkeiten ausgesetzt. Unsere Position in Versorgungswerten erhöhten wir auf neutral, da es sich hier um einen sehr defensiven und hochrentierlichen Sektor handelt, der von dauerhaft niedrigen Zinsen profitiert. Außerdem erhöhten wir unser Engagement in Basiskonsumgüterwerten nach einer erfolgreichen Gewinnsaison, aus der sich nach wie vor ansehnliche Bewertungen ergeben, auf eine übergewichtete Position. Wir reduzierten unsere Investitionen im Bereich Nicht-Basiskonsumgüter auf ein untergewichtetes Engagement, denn hierbei handelt es sich um einen zyklischen Sektor, der den breiteren Markt auf beiden Seiten des Atlantiks trotz der Belastung durch Automobilunternehmen bereits übertroffen hat.

Bei den Regionen ziehen wir unvermindert die USA vor, die überteuert sind – allerdings auch zu Recht, betrachtet man das potenzielle Gewinnwachstum im Vergleich zu anderen Regionen. Obschon die Daten zur Industrieproduktion (die seit vier Monaten in Folge rückläufig ist) den Ausblick etwas eintrüben, bleibt die Gesamtwirtschaft weiterhin im Aufwind. In Europa sind wir untergewichtet, da wir angesichts des Brexit, der Erklärung von Seiten der Europäischen Kommission, dass ein Defizitverfahren gegen Italien gerechtfertigt ist, und der anhaltenden Handelsspannungen das Risiko-Rendite-Verhältnis dort negativ einschätzen.

Festverzinsliche Anleihen

Im Bereich der festverzinslichen Anlagen haben wir unsere Allokation nicht angepasst. Das für diese Kategorie zuständige Team ist der Auffassung, dass die Anleger eventuell überzogen reagiert haben, da bereits drei Zinssenkungen der Fed in diesem Jahr (mit einer Wahrscheinlichkeit von >50 %) eingepreist sind, während die US-Notenbank bislang an ihrem Ansatz des „Abwartens“ festgehalten hat. Davor waren wir der Meinung, die Fed würde dieses Jahr nicht an der Zinsschraube drehen – eine Sichtweise, die bis vor Kurzem auch von den Währungshütern selbst geteilt wurde. Allerdings sehen wir in Anbetracht des sich abschwächenden makroökonomischen Umfelds, des eskalierenden Handelskriegs und der jüngst rückläufigen Zinsen in unserem Ausblick nun mindestens eine weitere Zinssenkung vor. Wir sind in Staatsanleihen untergewichtet, behalten jedoch einige Positionen für den Fall einer Verschlechterung des Umfelds mit einem Anstieg der Volatilität bei. Unser Vorzug gilt Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating, allerdings meiden wir Marktsegmente mit höherem Beta. Gegenüber europäischen Investment-Grade-Titeln zeigen die Anleger nach einem leichten Rückgang Anfang Mai ein klares Interesse – möglicherweise in der Absicht, von günstigen Kursen zu profitieren.

Der Anlageausschuss erachtet dies als die angemessenste Strategie, solange in Bezug auf den nächsten Monat (insbesondere beim Welthandel) Unsicherheit vorherrscht. Der 28. und 29. Juni könnten für Aktien entscheidend sein. Alles hängt davon ab, ob Trump auf dem G20-Gipfel in Japan beschließt, weitere Strafzölle gegen China zu erheben; dieses Treffen hatte er zum Zeitpunkt der Bekanntgabe seiner endgültigen Entscheidung auserkoren. Ein Lichtblick für Risikoanlagen ist immerhin, dass die Zentralbanken ihre Bereitschaft signalisiert haben, im Falle weiter eskalierender Handelsspannungen einzugreifen. Allerdings ist dies durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass der Zyklus gewöhnlich durch die Zentralbanken und ihre exzessive Straffung abgewürgt wird. Die Zeiten haben sich eben geändert. Doch wenn Trump das nächste Mal in den Spiegel blickt und sich fragt, wo denn die erstaunliche Aktienkursrally geblieben ist, die er so gern als Messlatte seines eigenen Erfolgs heranzieht, könnte es sein, dass ihm stattdessen der selbst angezettelte Handelskrieg entgegenstarrt.