BILBoard Juli 2020 – Stabilisierung

Bislang konnte durch ein Sammelsurium politischer Maßnahmen im Umfang von einer Billion US-Dollar weltweit die Nachfragelücke wirksam überbrückt, das Schreckgespenst der Deflation gebannt und Unternehmen aller Größenordnungen dabei geholfen werden, sich während der Pandemie über Wasser zu halten. Nun, da die Volkswirtschaften wieder hochgefahren werden und sich die Mobilität langsam normalisiert, ist aus den Daten eine Stabilisierung ersichtlich. Wie bereits in China nimmt auch die Wirtschaftstätigkeit in der westlichen Welt wieder an Fahrt auf, wenngleich sich der Fertigungssektor hierbei träger zeigt als die Dienstleistungsbranchen. Wenn eine Kennzahl im Mittelpunkt dieser Krise stand, an die man sich noch Jahre später erinnern wird, dann ist das der sprunghafte Anstieg der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA, wo über 40 Millionen Amerikaner von einem Tag auf den anderen ihren Arbeitsplatz verloren. Aktuell sehen die Arbeitsmarktdaten unerwartet gut aus, und nachdem die Arbeitslosenquote im April bei 14,7 % ihren Höchststand erreicht hatte, sank sie im Juni weiter bis auf 11,1 %. Im Euroraum konnte durch Kurzarbeitsprogramme dafür gesorgt werden, dass die Arbeitslosenquote relativ nahe an dem im März erreichten Rekordtief von 7,1 % blieb (die neuesten Daten zum Zeitpunkt der Drucklegung stammten aus dem Mai und lagen bei 7,4 %). Die Beschäftigung ist ein ganz wesentlicher Faktor. Vor der Krise waren Verbraucher der wichtigste Motor der Weltwirtschaft, und daher ist es entscheidend, dass ihre Kaufkraft beziehungsweise ihre Konsumbereitschaft erhalten bleibt, wenn eine Erholung greifen soll. Die gute Nachricht ist, dass das Verbrauchervertrauen nicht verflogen ist. In den USA beispielsweise verzeichnete der Conference Board Consumer Confidence Index im Juni seinen größten Anstieg seit 2011 (natürlich ausgehend von sehr niedrigen Ausgangswerten). Mit Blick auf die kurzfristigen Aussichten sind die Verbraucher weniger pessimistisch eingestellt. Sie bleiben jedoch pragmatisch, und rechnen nicht mit einer enormen Konjunkturbelebung. Natürlich könnte all dies durch eine zweite COVID-19-Welle zunichte gemacht werden, doch vorerst scheinen sich die Ausbrüche auf überschaubare Gruppen und Bereiche zu beschränken.

Trotz vielversprechender Kennzahlen ist das Anlageumfeld nach wie vor von Unsicherheit geprägt. Die Pandemie (die aus medizinischer Sicht noch nicht überwunden ist) hat das Anlegervertrauen erschüttert, erschwert die Erzielung von Erträgen und stellt die langfristige Tragfähigkeit wichtiger globaler Sektoren und Branchen in Frage.

Gleichzeitig müssen Anleger aufgrund der niedrigeren Renditen höhere Risiken eingehen, um Erträge zu erwirtschaften. Seit dem Tiefpunkt im März findet an den Aktienmärkten eine unaufhörliche Kursrally statt. Anfangs wurde sie durch Liquiditätsspritzen der Zentralbanken gefördert und anschließend durch wachstumsstarke Unternehmen gestützt, die unter Beweis stellten, dass sie während der Ausgangssperren und -beschränkungen Gewinne erwirtschaften können. Inzwischen lässt sich ein Großteil der Dynamik und der Zuversicht in Bezug auf die kommenden Monate mit Belegen dafür begründen, dass die Weltwirtschaft nun wieder Tritt fasst. Aufgrund dessen sind die globalen Aktienmärkte (am KGV gemessen) so hoch bewertet wie seit der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende nicht mehr.

AKTIEN

Unser Engagement am Aktienmarkt bleibt weiterhin neutral. Wir konzentrieren uns auf Qualitätswerte und Wachstumsunternehmen, die sich unserer Ansicht nach langfristig am Markt halten werden. Kurzfristig könnten tatsächlich Substanzwerte, zyklische Aktien und Small-Caps (deren relative Bewertungen besser aussehen) an Dynamik gewinnen, vor allem, wenn die weltweiten Lockerungsmaßnahmen wie geplant vonstatten gehen. Hier gilt jedoch das Prinzip „Caveat emptor“ – „Käufer, sei wachsam“: Wenn Substanzwerte aus der Mode kommen, dann geschieht das abrupt und heftig. Angesichts weiterhin niedriger Zinsen werden Dividenden an Bedeutung gewinnen.

Unternehmen, die Wert auf Umweltschutz, soziale Faktoren und eine gute Unternehmensführung (ESG-Faktoren) legen, haben eine Überperformance erzielt, und wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, da durch die Pandemie Nachhaltigkeit in den Vordergrund rückt. Christine Lagarde hat bereits vorgeschlagen, dass die EZB ihr Anleihekaufprogramm zur Umsetzung ökologischer Ziele nutzen könnte, indem sie sogenannte „Brown Bonds“, d. h. von Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen begebene Anleihen, zugunsten solcher aus umweltfreundlicheren Branchen veräußert. ESG-Unternehmen sind häufig qualitativ hochwertiger, und wir konzentrieren uns besonders auf diejenigen, die einer kritischen Überprüfung durch die Aufsichtsbehörden standhalten.

Aufgrund der Pandemie hat auch die Digitalisierung der Wirtschaft schneller als erwartet Einzug gehalten. Gemäß Gartner und IDC wuchs der Markt für Arbeitsplatzcomputer im letzten Quartal um 3 % gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Weltweit wurden mehr als 64 Millionen PCs versendet, als die Vertriebs- und Einzelhändler ihre Lagerbestände wieder auffüllten. Die Verkaufszahlen mobiler Computer haben kräftig zugelegt, da sich ein Großteil der Arbeit und des Lernens in den Online-Bereich verlagert hat. Unternehmen müssen sich neu erfinden, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, und sie dürfen dabei keine Zeit verlieren. Bestimmte Branchen werden unserer Meinung nach künftig bedeutende langfristige Änderungen erleben, manche zum Besseren und manche zum Schlechteren (beispielsweise könnten durch bahnbrechende Entwicklungen und die „Sharing Economy“ manche Geschäftsmodelle veralten), und dies wird großen Einfluss auf das Anlageverhalten haben. Wir setzen auf Unternehmen, die langfristig gesehen von der zunehmenden Konsumverlagerung in den Digital- und Online-Bereich profitieren könnten. Das führt natürlich zu einer Übergewichtung von US-Titeln in den Portfolios, denn die meisten Vorreiter der vierten industriellen Revolution konzentrieren sich in den USA, während die europäische Wirtschaft im Allgemeinen noch traditioneller aufgestellt ist.

Banken haben nun einen beschwerlichen Weg vor sich. Sie haben anfällig wirkende Vermögenswerte wie Autos, Flugzeuge und Schiffe finanziert, und das von extrem niedrigen Zinsen geprägte Umfeld ist Gift für ihre Geschäftsmodelle. Bestimmte Segmente der allgemeineren Kategorie „Finanzwerte“, wie Versicherungsgesellschaften und Finanzdatenanbieter, die eine Digitalisierung anstreben, sollten unterdessen nicht ignoriert werden.

FESTVERZINSLICHE ANLAGEN

Frühere Erholungsphasen waren von einem anfänglich schnellen Anstieg der langfristigen Zinssätze in Erwartung von Wachstum und Inflation gekennzeichnet. Doch diesmal verharren die Zinsen offenbar auf historischen Tiefständen: Die Fed scheint die Absicht zu haben, die Zinsen auf absehbare Zeit nahe null zu belassen (wir rechnen nicht mit einer Absenkung in den negativen Bereich), während die EZB den Zinssatz unter null eingefroren hat. Staatsanleihen leisten zwar keinen Renditebeitrag (selbst die Spreads in den Peripherieländern haben sich verengt), bieten jedoch eine wirksame Diversifizierung gegenüber dem Aktienrisiko und bleiben deshalb fester Bestandteil unserer Portfolios.

Jedes Streben nach höheren Erträgen geht in der aktuellen Situation mit einem erhöhten Portfoliorisiko einher. Eine Diversifizierung der Risikoquellen, sei es in Bezug auf das Liquiditäts-, Kredit- oder Zinsrisiko, ist unerlässlich. Im Investment-Grade-Segment besteht noch Spielraum für eine Spread-Verengung, und wir verfügen über ein Engagement in dieser Anlageklasse, das sich aus hochwertigen Unternehmen mit hohen freien Cashflows und robusten Bilanzen zusammensetzt. Für Anleger ist es heute wichtiger denn je, Anleihen vor dem Kauf einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Viele Unternehmen befinden sich seit Jahren in einer Grauzone: Obgleich die Last ihrer eigenen Schulden ihnen die Luft zum Atmen nimmt, wurden sie durch staatliche Unterstützungsmaßnahmen am Leben erhalten – zumindest bis jetzt. In einigen Marktsegmenten, unter anderem bei US-Hochzinsanleihen, die weniger direkte Unterstützung von der Fed bekommen, ist bereits ein Anstieg der Ausfälle zu verzeichnen (ein Zuwachs von 6 % innerhalb des vergangenen Monats).

NACHWORT

Wir haben zwar noch etwas trockenes Pulver, das wir für opportunistische Zukäufe nutzen könnten, aber Anleger sollten möglichst vollständig investiert sein. Natürlich ist man versucht zu warten, bis mehr Klarheit herrscht (aus epidemiologischer und aus wirtschaftlicher Sicht), doch das könnte bei der Verfolgung langfristiger Ziele hinderlich werden. Unserer Ansicht nach sind Anleger daher besser beraten, ihre Portfolios allmählich neu zu gewichten, um eine diversifizierte Vermögensverteilung mit einem umsichtigen Risikoansatz zu erreichen. Nach der jüngsten Rally am Aktienmarkt könnte das bedeuten, einige Gewinne zu realisieren und das Geld anschließend neu anzulegen – vielleicht in Unternehmen, die von dem beschriebenen langfristigen Strukturwandel zu Nachhaltigkeit und Digitalisierung profitieren.

Einschätzung: Gibt an, ob wir die Anlageklasse positiv, neutral oder mit Skepsis beurteilen | Änderung: Gibt an, wie sich unser Engagement seit der Sitzung des Ausschusses für Vermögensaufteilung im Vormonat verändert hat