BILBoard-Newsletter – Juni 2021: Der R&R-Handel

 

 

Normalerweise steht R&R im Englischen für Ruhe und Erholung („Rest and Recuperation“). Die Wirtschaft hat ihre Auszeit jedoch bereits hinter sich und daher bedeutet das R&R-Thema, das derzeit die Märkte antreibt, das genaue Gegenteil: die Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit und Reflation („Reopening and Reflation“). Dank des zunehmenden Impftempos folgen immer mehr Länder – insbesondere in Europa – dem Beispiel der USA und Chinas und fahren ihre Wirtschaft wieder hoch („Reopening“). Gleichzeitig bleibt die Geldpolitik der Zentralbanken unterstützend, und uns erwartet eine ganze Batterie an fiskalpolitischen Maßnahmen. All diese Faktoren begünstigen einen Reflationshandel an den Märkten, der darauf abzielt, sich die höheren Wachstums- und Inflationserwartungen zunutze zu machen.

Die OECD hat ihre weltweite Wachstumsprognose für 2021 jüngst auf 5,8 % angehoben (das wäre das schnellste Wachstum seit 1973), was auf einen zunehmend positiven gesamtwirtschaftlichen Ausblick hindeutet. Sofern es keine Überraschungen in Sachen Pandemie gibt, rechnen wir in der zweiten Jahreshälfte mit einer starken Dynamik. Neben der Bereitstellung von Impfstoffen und der expansiven Geldpolitik verstärken staatliche Konjunkturprogramme den Aufschwung. In den USA hat Präsident Biden einen weiteren Infrastrukturinvestitionsplan im Wert von 1,7 Billionen US-Dollar vorgelegt, während in Europa, nach monatelanger Verzögerung, endlich alle 27 Mitgliedstaaten das Rechtsinstrument ratifiziert haben, das dem 750 Milliarden Euro schweren Aufbaufonds zugrunde liegt.

In Anbetracht des starken Wachstums und steigender Rohstoffpreise ist die Inflation das heikle Thema, über das niemand so recht sprechen mag: Im April erreichte der US-Verbraucherpreisindex die Marke von 4,2 %, und gleichzeitig kletterte die Inflation im Euroraum im Mai auf 2 %. Dies hatte die Befürchtung zur Folge, dass die Zentralbanken die Geldpolitik schneller als erwartet straffen könnten, um eine Überhitzung zu vermeiden, und damit vielleicht den Konjunkturaufschwung abwürgen.

Wichtige Zentralbankchefs – darunter Jerome Powell und Christine Lagarde – haben jedoch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Inflation ihrer Einschätzung nach nur vorübergehend steigt, weshalb ihnen eine Anpassung der Geldpolitik widerstrebt. Derzeit lassen die marktbasierten Inflationserwartungen darauf schließen, dass Anleger dieser Theorie Glauben schenken. Sie ist auch tatsächlich plausibel, wenn man Basiseffekte, Engpässe und den Nachfragestau, dem ein begrenztes Angebot gegenübersteht, berücksichtigt. Zudem bestehen die Faktoren, die in den letzten Jahrzehnten die Inflation begrenzt haben (unter anderem Globalisierung, Digitalisierung und Amazonisierung), unverändert weiter.

Wir rechnen daher zwar mit einer weiter steigenden Inflation, die unserer Ansicht nach jedoch nicht außer Kontrolle geraten wird, und gehen nicht von einer abrupten Straffung der Geldpolitik durch die Zentralbanken aus, die die Märkte aus der Bahn werfen würde. Vor diesem Hintergrund verfolgen wir die Strategie, Aktien im Verhältnis zu Anleihen überzugewichten. Wir stellen uns darauf ein, den R&R-Handel (der ein positives Wirtschaftswachstum, eine kontrolliert steigende Inflation und einen allmählichen Anstieg der Renditen widerspiegelt) zu unserem Vorteil zu nutzen.

 

AKTIEN

Die äußerst positive Berichtssaison für das erste Quartal ist nun zu Ende, und sowohl die relativen als auch die absoluten Korrekturen der Analysten tendieren in allen Regionen in die richtige Richtung. Dennoch bewegten sich die Kurse an den Märkten innerhalb einer gewissen Spanne, da Inflationssorgen die Wertsteigerungen schmälern. Aktien könnten angesichts der anziehenden gesamtwirtschaftlichen Dynamik aus unserer Sicht zwar weiterhin Kurspotenzial haben, doch ab sofort werden Anlagerenditen weitgehend durch den Anlagestil und sektorbezogene Entscheidungen bestimmt. In einem solchen Umfeld kam es in der Vergangenheit meist zu einer Umschichtung von Wachstumswerten und defensiven Positionen in Substanzwerte und zyklische Titel.

Während der letzten Monate hatten wir unser Engagement in US-Aktien auf Substanzwerte ausgerichtet. Angesichts der steigenden Renditen von US-Schatzanleihen, die sich ungünstig auf Wachstums- und Technologieaktien auswirkten, war dies eine gute Entscheidung. In diesem Monat nahmen wir eine Neugewichtung unseres regionalen Engagements vor und erhöhten unsere Allokation in Europa auf eine Übergewichtung. Auf diese Weise intensivierten wir im Grunde unsere Value-Strategie, denn Europa hat eine hohe Konzentration an Value-Aktien, die in der Regel von steigenden Inflations- und Zinserwartungen profitieren. Darüber hinaus hat Europa großes Aufholpotenzial, da hier der Boom im Zuge des Wiederhochfahrens der Wirtschaft gerade erst beginnt. Weitere Gespräche über Konjunkturpakete in europäischen Ländern (z. B. Deutschland) könnten ein positiver Faktor sein, ebenso die Auszahlung des EU-Aufbaufonds in der zweiten Jahreshälfte.

Zur Finanzierung dieser Transaktion verringerten wir unser Engagement in US-Aktien (bleiben jedoch übergewichtet). Wir halten auch an unserer Übergewichtung von China fest, das eindeutig ein globaler Wachstumsmotor ist. Der chinesische Aktienmarkt hat sich nach seiner mittelfristigen Korrektur weitestgehend stabilisiert, und es gibt erste Anzeichen einer Erholung. Unterstützung erhält der Markt durch hohe Kapitalzuflüsse, während die Bewertungen im Vergleich zu globalen Pendants attraktiv ausfallen. Nachdem die chinesischen Behörden, vor allem im Vergleich mit der westlichen Welt, kaum auf geldpolitische Anreize gesetzt haben, müssen Anleger in China nicht spekulieren, wann mit einer Drosselung begonnen werden könnte.

Auf Sektorebene stuften wir Industriewerte auf eine neutrale Gewichtung herunter und hoben Finanzwerte auf eine Übergewichtung an. Wir haben bislang noch keine wesentlichen Auswirkungen des Inflationsdrucks auf die Margen festgestellt, dieser Effekt könnte jedoch bei den Gewinnen im zweiten Quartal stärker zutage treten. Industrieunternehmen fehlt künftig vielleicht die notwendige Preissetzungsmacht, um die steigenden Kosten an die Verbraucher weiterzugeben, wodurch ein gewisser Druck auf die Margen entsteht. Finanzwerte hingegen zählen zu den Hauptprofiteuren der höheren Inflations- und Zinserwartungen. Aktien aus zyklischen Bereichen, wie Nicht-Basiskonsumgüter und Grundstoffe, die gut aufgestellt sind, um von einer Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit und dem Nachfragestau zu profitieren, sind für uns nach wie vor attraktiv. Wir halten an unserer Übergewichtung von Versorgern fest, wobei wir auf eine sorgfältige Auswahl von Titeln setzen, die eine wesentliche Rolle bei der Energiewende spielen werden, in die Regierungen Milliarden von US-Dollar, Euro und Yuan investieren.

FESTVERZINSLICHE ANLAGEN

Aufgrund des reflationären Umfelds halten wir uns bei festverzinslichen Anlagen zurück. In den Bereichen, in denen wir angelegt sind, bevorzugen wir Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating (aus Industrie- und Schwellenländern) sowie Hochzinsanleihen aus Industrieländern. Ebenso wie das Ende der Lockdowns in der realen Welt signalisierte, dass sich die Menschen auf der Suche nach Sonnenschein wieder auf Reisen begeben, zeigte die Reflation eine Wiederaufnahme des „Tourismus“ im Anleihesegment an: Hier verlassen die Anleger auf der Suche nach Rendite ihre Komfortzone im Investment-Grade-Segment und machen sich auf den Weg zum Hochzinsbereich. Diese Kapitalzuflüsse stützen das Segment, ebenso wie die positiven Ratingtrends: Hierbei ist anzumerken, dass die Zahl der nach oben korrigierten Ratings die Zahl der nach unten korrigierten Ratings im US-Hochzinssegment so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr übersteigt (um das 2,04-Fache).

 

ROHSTOFFE

 

Angesichts der aktuellen Preisdynamik erschien uns der Zeitpunkt günstig, um bei Gold Gewinne mitzunehmen. Der Goldpreis erreichte vor Kurzem ein Viermonatshoch von über 1.900 US-Dollar und machte seine Jahresverluste wieder wett. Mittelfristig bleiben wir vorsichtiger, denn im dritten Quartal könnte das Thema einer geldpolitischen Drosselung häufiger von Bedeutung sein. Gegenüber Öl bleiben wir neutral eingestellt. Zwar könnten das Wiederanziehen der Wirtschaftstätigkeit und das Wiederaufleben des Tourismus für Preissteigerungen sorgen, doch es besteht auch die Möglichkeit eines Atomabkommens zwischen dem Iran und den USA, das eine Angebotsflut nach sich ziehen könnte.

SCHLUẞFOLGERUNG

Da die Weltwirtschaft weiter Auftrieb erhält, der durch stetige Impulse in Form von Konjunkturprogrammen und einer expansiven Geldpolitik unterstützt wird, sind unsere Portfolios darauf ausgerichtet, den R&R-Handel zu unserem Vorteil zu nutzen. Das beinhaltet eine Übergewichtung von Aktien mit Schwerpunkt auf solchen Werten, die vom Wiederhochfahren der Wirtschaftsleistung profitieren und typische Reflationsgewinner sind.

Einschätzung: Gibt an, ob wir die Anlageklasse positiv, neutral oder mit Skepsis beurteilen. Änderung: Gibt an, wie sich unser Engagement seit der Sitzung des Ausschusses für Vermögensaufteilung im Vormonat verändert hat